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Fahrenheit 451 – ein Interview mit Regisseur und Dramaturgin

Mit Fahrenheit 451 entsteht zurzeit die zweite Produktion in Kooperation zwischen der Brotfabrik und dem Theater Bonn, dieses Mal gemeinsam mit dem freien Theaterensemble „Volkstheater“. Mit dem Regisseur des Stückes, Volker Maria Engel, und der Dramaturgin Sandra Van Slooten habe ich über die Produktion, die Motivation zur Auswahl des Stückes, den inhaltlichen Hintergrund und die Aktualität von Fahrenheit 451 und ihre praktischen Erfahrungen in der Zusammenarbeit zwischen Freier Szene und Stadttheater befragt.  

Was war der erste Impuls für die Auswahl des Stückes FAHRENHEIT 451?

SVS
Ich kenne den Stoff vor allen Dingen durch den Film von Truffaut der ja sehr retro angelegt ist, auf eine lustige und etwas ärmliche Weise retro. Wir haben das Stück ebenfalls nicht in die Zukunft, sondern in eine unbestimmbare Vergangenheit gelegt. Ich hab mir vorgestellt, wie unsere Gesellschaft aussehen würde, wenn sie wirklich buchfrei wäre, oder auch im übertragenen Sinne kulturfrei, wenn die letzten Inseln der Inspiration und des freien Denkens in unserer Gesellschaft restlos verschwinden würden. Dieses Stück ist im Moment, wo wir an allen Ecken und Enden in der Kultur sparen, und wir überlegen, ob wir Theater schließen, ein sehr wichtiger Denkanstoß.

VME
Was mich fasziniert, ist das Absurde, dass Feuerwehrmänner in der Zukunft nicht Brände löschen, sondern Bücher verbrennen. Vor allen Dingen die Buchmenschen, die im wahrsten Sinne Kulturträger werden, indem sie Bücher auswendig lernen, um sie zu tradieren. Es geht ganz zurück zu mündlichen Tradition, und das in einem Science Fiction Roman.

Sandra und ich arbeiten als Regieteam schon viele Jahre intensiv zusammen, und meistens ist es ein dunkles Märchen, das uns anspricht. Das Märchen nicht unbedingt im naiven Sinn, sondern eher im archaischen Sinn, etwas, was Urängste anspricht.

Nikolai Knackmuss als Guy Montag

Nikolai Knackmuss als Guy Montag

Und das war für mich auch bei diesem Stoff greifbar. Woran ich mich am meisten geklammert habe, war der Protagonist. Jemand, der allen Glauben, alle Gewissheit verliert, alles aufgibt für etwas sehr vages, sehr ungewisses. Ich fand die emotionale Reise, die Montag in dem Stück macht, sehr interessant. Das konnte ich mir auch sofort mit Nick (Nikolai Knackmuss) vorstellen, und ab da fing unsere Phantasie an zu sprudeln.

Es ist ein bisschen, wie im Film „Licht im Winter“ von Ingmar Bergmann – ein protestantischer Pfarrer in der Glaubenskrise. Montag ist ja nicht irgendwer. Er ist Feuerwehrmann, er ist ein Repräsentant des Systems, er ist nicht eine Privatperson, die den Glauben an das System verliert, er wechselt eigentlich vom Saulus zum Paulus. Er hat ja nur eine Ahnung, eine Vermutung, dass es die Bücher sind, die ihm vielleicht fehlen. Dieser Ahnung und dem Gefühl geht er nach, hat aber nichts Greifbares, und er verlässt trotzdem seine Welt.

Worin liegt die Aktualität des Stückes Eurer Ansicht nach heute, 60 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung? Welche Mahnungen für die Zukunft kann man heute (noch) aus dem Stück ableiten?

VME

Bonns jüngster Theaterhospitant in kritischer Diskussion mit der Regie

Bonns jüngster Theaterhospitant in kritischer Diskussion mit der Regie

Was sehr interessant ist und das ist sehr heutig, es wird sowohl von Faber, dem Literaturprofessor, als auch von Beatty, dem Feuerwehrhauptmann erzählt, dass es der Feuerwehr und des staatlichen Druckes eigentlich gar nicht bedurft hat. Die Leute haben von selbst aufgehört zu lesen, vielleicht wie in der Kulturrevolution in China, die Sachen selbst verbrannt.

Heute erleben wir ein Phänomen, bei dem sich Leute ohne Not gläsern machen. Im Internet, in sozialen Netzwerken etc. Eigentlich, mal ein paar Jahre weitergedacht, braucht man in Zukunft überhaupt keinen Geheimdienst mehr. Es sind nur einige Glücksköder ausgelegt, die die Leute fressen und ihre Privatsphäre und Freiheiten, die sie haben, ablegen. Ich finde sehr heutig, dass die Diktatur eigentlich von innen kommt.

SVS
Deswegen glaube ich, ist Theater so wichtig. Wir leben in einer Gesellschaft, in der freies Denken möglich ist. Ich habe letztens ein Feature über Teheran gehört. Da gibt es z. B. in den Buchläden keine Literatur mehr zu kaufen, sondern tatsächlich nur noch islamische Bücher. Ich denke, es gibt heute einige Staaten, in denen man ganz dicht an dem dran ist, was Bradbury damals erfunden hat.

Bei uns schleicht es sich über eine gefährliche Hintertür rein. Über die Massenmedien, die wie in Bradburys Buch auch einen ganz verheerenden Einfluss auf das Unterbewusstsein der Menschen nehmen, eine Gleichschaltung, die den meisten, vor allen Dingen jungen Menschen überhaupt nicht bewusst ist. Das bedeutet, dass bestimmte Produkte unbedingt gekauft werden müssen, dass eine bestimmte Meinung vorherrschen muss, Dass ein bestimmtes Äußeres gerade ganz wichtig ist usw.

  „…ist eine Geschichte darüber, wie Fernsehen das Interesse am Lesen von Literatur zerstört“ sagt Bradbury über Fahrenheit 451. Verändert sich das Lesen und (gute) Literatur? Verschwinden sie möglicherweise irgendwann ganz? Wie sehr ihr das? Gibt das Stück darauf eine Antwort?

VME
Meiner Ansicht nach gibt das Stück eine Antwort darauf, wenn auch nicht eine durchweg hoffnungsvolle. Es bleibt offen, ob das, was die Buchmenschen tun, sinnvoll ist, ob es überhaupt eine Welt gibt, wo sie ihr Wissen anwenden und weitergeben können. Sie halten sich ja im Grunde nur dafür bereit, dass die Welt nach der großen Katastrophe wieder aufgebaut wird, dass da jemand ist, der Wissen und die Bücher weitergeben kann. Aber es ist nicht gesagt, dass es so kommt. Sie machen das auf Verdacht.

Es wird immer Geschichten und Erzählungen geben, so lange es die Menschheit gibt. Ich glaube nicht, dass das Buch aussterben wird. Ich glaube auch nicht, dass die Technologien das Lesen gefährden, sondern dass das selbständige Denken und Phantasieren vielleicht durch verändertes Konsumverhalten eingeschränkt wird. Es geht auch in Fahrenheit nicht um die Bücher an sich, sondern darum, was die Bücher auslösen. Nämlich die Möglichkeit, sich eine andere Meinung zu bilden und deshalb im Widerstreit zu anderen Ideen zu stehen. Die Bücher bringen quasi den Streit der Ideen in die Welt, und das kann sich die Konsensgesellschaft nicht leisten und deckelt es.

SVS
Ich finde ja absolut faszinierend, was Montag in dem Stück passiert. Er wirkt wie ein Mensch, der sich zum ersten Mal verliebt oder der zum ersten Mal frei atmen kann. Er erlebt etwas, was ihn so elektrisiert, dass er um alles in der Welt nicht mehr darauf verzichten kann. Diese Energie, die er auf einmal spürt, ist ihm so kostbar – er spürt sich vielleicht zum ersten Mal selbst – dass er alles andere dafür aufgibt.

Wie setzt sich das Ensemble zusammen und habt ihr mit allen Schauspielern schon vorher zusammen gearbeitet? Wie war die Rollenvergabe? Hattest Du die Protagonisten im Kopf?

Textstudium - Probenimpression mit Martin Bross

Textstudium – Probenimpression mit Martin Bross

VME
Ich habe schon mit allen gearbeitet, Nick, Nadja (Duesterberg) und Tina (Junge) kenne ich schon aus der Schauspielschule Siegburg. Mit Nick ist es jetzt die fünfte Produktion, mit Martin (Bross) die dritte. Martin und Nick waren schon bei „Drei Schwestern“, der Debütproduktion von Volkstheater dabei, und diese Linie soll auch weiter laufen. Volkstheater ist ein Sammelbecken für junge Schauspieler, die direkt von der Schauspielschule kommen und sich danach zeigen möchten.

Durch die Kooperation mit dem Theater Bonn haben wir Birte Schrein an Bord. Mit Birte haben wir schon etliche Werbe- und Kurzfilme gedreht und wir kennen sie auch schon ewig, haben aber bisher tatsächlich noch nie Theater mit ihr gemacht. Die Besetzung hat sich um Nick als Guy Montag festgemacht. Er stand als erster für uns fest.

Es war zunächst nicht klar, wie viele Personen mitspielen. Jetzt haben wir das Stück durch Mehrfachbesetzungen sehr komprimiert. Es ist ein relativ kleines Ensemble mit sehr vielen Figuren. Das Ensemble ist ziemlich witzig, es ist ein echtes Volkstheater-Ensemble, weil alle echte Typen sind. Man könnte mit denen auch gut Zirkusvorstellungen machen.

Birte lacht - Probenimpression mit Birte Schrein

Birte lacht – Probenimpression mit Birte Schrein

SVS
Birte ist eine Spielerin aus dem Ensemble des Theater Bonn und im Zuge der Kooperation dabei und ganz wunderbar für die Rolle der Mildred und Clarisse. Das ist schon perfekt.

 

 

 

Das Stück entsteht als Kooperation zwischen dem Theater Bonn, der Brotfabrik und der Freien Szene, besonders Eurem Kollektiv „Volkstheater“. Diese Kooperationen werden sieht gut einem Jahr gezielt vom Land NRW gefördert. Ihr seid jetzt mitten im Probenprozess für Fahrenheit 451. Wie sind Eure ersten konkreten Erfahrungen mit der Zusammenarbeit?

VME
Von den Proben her ist es wie immer. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, weil ich mit ganz unterschiedlichen Ensembles arbeite, Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen, Senioren, Laien, Profis –  Theater ist immer Theater. Das ist ganz witzig. Sogar gruppendynamisch laufen ganz ähnliche Prozesse ab. Klar, bei Jugendlichen geht es um Pubertät und bei Senioren um die Tücken des Alters. Es gibt da einige spezifische Sachen, aber ansonsten ist es immer das gleiche und auch die Arbeit ist immer die gleiche.

Absoluter Luxus ist, die Unterstützung von Werkstätten zu haben, von der Schlosserei, von Dekorateuren, von der Kostümabteilung. Alles das, wo uns sonst, wenn wir eine OFF-Produktion machen, niemand zuarbeitet.

SVS
Ich glaube, dass es andersrum auch für das Stadttheater interessant ist, einen Blick auf die Freie Szene zu werfen. Freie Szene und Stadttheater sind schon zwei ganz unterschiedliche Institutionen. Die freie Szene muss mit weniger Geld auskommen, ist dafür aber auch sehr unabhängig. Das wenige Geld zwingt sie dazu, kreative Lösungen zu finden, um gute Stücke zu produzieren. Das ist für ein Stadttheater mit einem großen Apparat im Hintergrund sicherlich ein interessanter kreativer Pool, in den sie immer wieder hineinschauen sollten.

In den letzten Jahren habt ihr verstärkt in der OFF-Szene gearbeitet, kennt aber auch die „andere Seite“, das Stadttheater aus praktischer Erfahrung. Wie schätzt ihr die Idee, die Kooperation zwischen beiden zu fördern und voran zu treiben, grundsätzlich ein, unabhängig von dieser konkreten Produktion?

VME
Es kann schon ein Modell für die Zukunft sein, vorausgesetzt, beide Parteien sind wirklich neugierig aufeinander und haben Lust dazu. Mal ganz unabhängig von den finanziellen Rahmenbedingungen ist es eine Grundvoraussetzung, dass auf beiden Seiten Respekt und Neugier da ist. Dann kann es befruchtend wirken.

SVS
Ich halte diese Kooperation für wegweisend. Denn wenn die gegenseitige Neugier da ist, ist die Zusammenarbeit sehr befruchtend.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die Produktion!

 Spieltermine:

Mi 13.03. 20 Uhr Premiere

Weitere Termine in der Brotfabrik: Fr 15.03., Mi 17. + Do 18.04., FR 28. + SA 29. Juni, und im Rahmen der Theaternacht am 20.04.

Termine im Theater Bonn: 14. + 15. Mai, 08. + 09. Juni

 

Sandra van Slooten und Volker Maria Engel im Interview

Sandra van Slooten und Volker Maria Engel im Interview

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Name: McCellan, Rita – 3296

Beruf: ehemalige Bibliothekarin (Berufsverbot)Tantchen_kl

Profil:

Wegen Fußgängerei verhaftet

Organisiert illegale Zusammenkünfte

Steht unter Beobachtung

Des Buchbesitzes schwer verdächtigt

Angezeigt durch Nachbarin Blake

Zugriff in Kürze

Kategorie ROT

 

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Name: McCellan, Clarisse – 3376

Beruf: -Clarisse_kl

Profil:

Wohnt bei ihrer Tante Rita McCellan (Kategorie ROT)

Fußgängerin und Naturliebhaberin, läuft barfuß durch den Regen!

Unternimmt ziellose U-Bahn-Fahrten, stellt Fragen!

In psychatrischer Behandlung, unter besonderer Überwachung

– Kategorie ORANGE –

ACHTUNG: Suspektes Subjekt hat Kontakt zu Montag aufgenommen!

 

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Akte [Technik] 01: Bei der Arbeit

Endlich einmal bequem Auto fahren!

worx

Es ist zwar kein Feuerwehrwagen – und der Mann nicht im Notfall-Einsatz – sondern einfach nur der Rücktransport von Requisiten zum Fundus, aber so bequem kann die Arbeit der Technik sein (vorausgesetzt, keiner schlägt dem Kollegen die Türe vor der Nase und den Füßen zu…).

Nachdem die Vorstellung über die Bühne ist!

(mb)

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Alles Neu!

Mit großen Schritten geht es auf den Frühling zu, alles blüht auf und erwacht zu neuem Leben. Auch bei uns gibt es im März und April viel Neues. Drei Premieren stehen auf dem Programm.

Mit Fahrenheit 451 entsteht zum zweiten Mal ein Stück in Kooperation mit dem Schauspiel Bonn. Nach „Warteraum Zukunft“ im letzten Jahr können wir uns nun auf den Klassiker von Ray Bradbury in einer neuen Interpretation des Bonner Regisseurs Volker Maria Engel freuen. Das Ensemble probt täglich bei uns in der Brotfabrik und ich durfte schon einen Durchlauf anschauen. Ich war wirklich gespannt, wie Regisseur und Ensemble eine inzwischen 60 Jahre alte Zukunftsvision auf die Bühne bringen würden. Vieles, wovor Bradbury damals gewarnt hat, ist ja inzwischen wirklich eingetroffen bzw. sogar übertroffen. Viel darf ich hier natürlich noch nicht verraten, aber so viel kann ich sagen: die Herangehensweise an das Stück geht auf.
Einen ersten visuellen Eindruck gibt es an dieser Stelle aber doch schon: die Entwürfe für Postkarte und Plakat stehen.F451-Plakat-ohneLogos_bild-001
Bis zur Premiere am 13. März wird es hier im Blog noch einiges zum Stück geben. Ich habe den Regisseur Volker Maria Engel und die Dramaturgin Sandra von Slooten zum Stück interviewt, unser Geschäftsführer wird etwas zur Kooperation sagen und die Protagonisten werden vorgestellt.

Dem literarischen Klassiker Fahrenheit folgt am 21. März ein künstlerischer „Klassiker“ mit einer Premiere. Seit vielen Jahren ist der Tänzer und Choreograf Karel Vanek eng mit der Brotfabrik verbunden. In seinem neuen Stück „Tanzhuren“ beschäftigt er sich damit, wie weit Künstler für ihre Kunst gehen (müssen).
Ganz neu ist das Neue Ensemble Bonn. Schauspieler mehrerer freier Theatergruppen haben sich zusammengetan und zeigen mit Dürrenmatts „Romulus der Große“ im April ihre erste Produktion.

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Unser Spielplan März / April steht

So, Alaaaf war gestern… Wir sind zurück aus der Karnevalspause und haben die spielfreien Tage ganz unterschiedlich “genutzt”: Wild gefeiert, am Mittelmeer entspannt und auch den Spielplan für März und April fertiggestellt. Wärend das Exemplar auf Papier in der Druckerei vor sich hin druckt, ist hier schon eine Ausgabe zum virtuellen Blättern: