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2. Bonner Klezmertage

Nach dem Frühstück geht es weiter – Was am Sonntag noch passiert

Der Sonntag ist bei diesen Klezmertagen der Tag, der Gegensätze vereint – die Konzerte, die ihn umrahmen stehen im Zeichen des Frauen – morgens die Bonner Newcomerin, abends ein reines  – und ebenfalls neues – Frauentrio – in der Klezmermusik eine Rarität.

Dazwischen geht es um eine spezielle Tradition im Ostjudentum, den Chassidismus. Er ist nicht nur sehr alt, sondern auch sehr patriarchalisch. Der Chassidismus entstand im 17. Jahrhundert als Gegenbewegung zur gelehrten Religionslehre, die eigentlich nur Schriftgelehrten zugänglich war. Sein Gründer Baal Shem Tov wollte eine Religion fürs Volk, und eine, die sich nicht im Ergründen komplexer Regeln und Kommentare erschöpfte, sondern die in der Lage war, ihren Gott auch zu feiern. So wurde der Chassidismus eine populäre Religionsströmung im Ostjudentum, die Gottesdienst auch im Singen und Tanzen verstand und vollzug. Es gab und gibt bis heute im Chassidismus verschiedene Richtungen, die verschiedenen Rabbinern folgten und die eine unüberschaubare Zahl an wunderbaren Melodien hervorbrachten, die zum Teil auch ins Klezmerrepertoire übergingen. Sie bestechen gleichzeitig durch starke Innerlichkeit wie durch ihre Festlichkeit und Ausgelassenheit. Und sie sind leicht zu lernen – eine tolle Erfahrung für jeden.

Diese Melodien wird uns der Experte Markus Milian Müller aus Nürnberg nahebringen. Markus ist als Bassist, Sänger und Komponist wunderbarer jiddischer Lieder bekannt und gastierte in Bonn schon mit seiner Global Shtetl Band.

Die ebenfalls unzähligen Legenden, Märchen und Sagen aus dem Chassidischen Weisheits- und Witzschatz bringt der schon vom letzten Jahr bekannte Gidon Horowitz, einer von Deutschlands beliebtesten Erzählern auf die Bühne.

Hier kommt etwas direkt aus dem Herzen des Ostjudentums – etwas sehr altes und etwas aus einer Männerwelt, aus der die Frauen nahezu ausgeschlossen waren.

Aber wir leben ja im 21. Jahrhundert – wir lassen den Tag von Frauen umrahmen:

Zum Abschluss der 2. Bonner Klezmertage gibt es nicht weniger als eine Premiere. Das ist mehr als folgerichtig bei einem Festival, dessen Schwerpunkt neue Klänge in dieser Musik sind. Nachdem wir bislang ausgiebig bei den amerikanischen Kollegen gelauscht haben, gehen wir nun wieder über den Atlantik zurück nach Europa. Und noch etwas ist neu und außergewöhnlich – nicht nur war das Ostjudentum eine patriarchalische Gesellschaftsform, in dem Frauen sowohl eine Ausbildung als auch das Spielen eines Instrumentes verwehrt war.

Auch heute noch ist die Musik – wie bei nahezu allen Musikformen – ein vornehmlich männliche Domäne. Da tut ein reines Frauenprojekt gut.  Über ihr Programm kann man naturgemäß wenig sagen, da es ja in Bonn aus der Taufe gehoben wird. Aber die “drey shwesterl”, wie sie sich nennen, sind allesamt eine Reise wert.

Die Sängerin Svetlana Kundish ist gebürtige Ukrainerin, wuchs in Israel auf und wohnte lange in Wien, bevor sie jetzt Berlin als Wohnsitz wählte. Sie studierte klassischen Gesang und widemt sich nun seit Jahren dem jiddischen Gesang – mit wachsendem Erfolg – ihre unverwechselbare Stimme trifft pfeilgenau ins Herz, ihre charismatische Bühnenpräsenz begeistert, so dass sie in Berlin schon den ersten Preis beim Wettbewerb “Golden Hanukkia” erhielt.

Vanessa Vromans Weg ging von Australien über Holland nach Bonn; auch sie ist klassisch ausgebildete Violonistin, die durch Studien am Weltmusikdepartment in Rotterdam schon weit über den klassischen Tellerrand hinausblickte. Wie Svetlana ist sie ein shootingstar der Klezmerszene, die schon kurz nachdem sie mit der jiddischen Musik begann, von internationalen Bands eingeladen wurde. Ihr Spiel wird von den Kolleginnen und Kollegen als sehr authentisch und gefühlvoll bewundert und geschätzt, gelingt ihr doch das Kunststück ihr klassisches Können in den Sound der Klezmermusik einzubringen.

Daneben ist Sanne Möricke schon eine “alte Hasin” in der Szene – sie spielte mit allem, was Rang und Namen hat und ist als verlässliche und inspirierende Partnerin vom Duo bis zur großen Kappelle begehrt. Neben ihrem Akkordeonstudium ist sie auch noch ausgebildete Musikethnologin.

Allen dreien ist, das kann ich versichern, ihre Liebe und Leidenschaft für die ostjüdische Musik gemeinsam, so dass es nicht wundert, dass sie nun in diesem Projekt dessen unentdeckte weibliche Seite zu Klang bringen.

Geballte Spielfreude, Kompetenz und Virtuosität widmet sich dem Thema Frauen in der jiddischen Musik  – Kompositionen und Lieder von Frauen reihen sich an Eigenkompositionen und Vertonungen. Ein spannendes Projekt, eine Weltpremiere, an diesem Abend das neueste, das es zu hören gibt! Danach geht es für die Damen übrigends gleich zum rennomierten “Klezmore” nach Wien – was für ein Start!

Ein Gastbeitrag von Georg Brinkmann

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